Mehr als 13,6 Millionen US-Dollar hat Deutschland seit 2006 für das Tribunal gegen die Roten Khmer (ECCC) ausgegeben, knapp 6 Prozent der Gesamtkosten. Die Prozesse geben uns Einblick in die Motive der Täter und erlauben Vergleiche mit anderen Terror-Regimen wie den Nazis. Was in Kambodscha geschehen ist, gehört zu den schlimmsten Verbrechen des 20. Jahrhunderts – und muss aufgeklärt werden.

Blog Sarah ThustDieses Buch ist ein Schwergewicht und liest sich federleicht. Ohne Umwege und pathetische Ausflüge führt uns Autor Robert Carmichael in die (Gefühls-)Welt der Opfer und Täter des Regimes der Roten Khmer.

Als die Wolken vom Himmel fielen. Ein Buch von Rob Carmichael.
Als die Wolken vom Himmel fielen. Ein Buch von Rob Carmichael.

Als ich den Südafrikaner „Rob“ in Kambodscha kennenlernte, da sprachen wir oft über das Kriegsverbrecher-Tribunal ECCC in Phnom Penh. Jahrelang hatte er für dpa & Co. über den Prozess gegen den Chef des Folter-Zentrums S21 berichtet. Schon damals sprach Carmichael von diesem Buch und umso größer war meine Neugier, als ich es vor ein paar Monaten endlich in den Händen hielt.

Beim Durchblättern schlugen mir die Fotografien entgegen, … dunkle Schatten der Vergangenheit: Sie zeigen magere Arbeiter, skrupellose Politiker, Listen, einst glückliche Familien und Mörder. Schwarz auf Weiß.

Der Spiegel nannte Kaing Guek Eav alias Duch den „tränenreichen Schlächter“. Robert Carmichael geht weiter: Im Buch „Als die Wolken vom Himmel fielen“ macht er sich auf die Spur der Motive des Massenmörders Duch.

Ihm gelingt es nicht nur, die erschütternde Wahrheit über den Genozid in Kambodscha (1976-79) zu schildern, sondern er verknüpft dies auch mit dem Schicksal der Franco-Kambodschanerin Neary Ouk und ihrer Familie.

Mit viel Gefühl erzählt Robert, wie Neary ihren Vater an das Foltergefängnis S21 verloren hat. Seine Schilderungen sind so realitätsnah und bewegend, dass ich sie nicht vor dem Einschlafen lesen konnte. Dennoch tragen seine Zeilen viel Leichtigkeit und Hoffnung.

Foltermethoden der Roten Khmer

Im Namen des Kommunismus haben die Soldaten der Khmer Rouge die kambodschanische Kultur zerschmettert und etwa 2 Millionen ihrer Landsmänner hingerichtet. Frauen, Kinder, Alte wurden misshandelt, gefoltert, getötet.

Neary und ihre Mutter erfuhren zunächst nichts von Ouks Leidensweg. Jedes Detail mussten sie sich selbst erkämpfen, denn Ouk war nach seiner Einreise in sein Heimatland Kambodscha wegen Landesverrates verhaftet worden. Auf Anweisung von Duch wurde der verheiratete Familienvater wie mehr als 13.000 weitere Kambodschaner im Gefängnis S21 gequält und hingerichtet.

Erst im Jahr 2012 hat das ECCC Kaing Guek Eav für seine Taten zu einer lebenslänglichen Gefängnisstrafe verurteilt. Weitere Prozesse gegen die Khmer-Rouge-Führungsspitze folg(t)en.

In seinem Schlussplädoyer hat der berechnende Mathematiker seine Schuld verleugnet und seine gespaltene Persönlichkeit offenbart. So konnte Neary nach und nach das Puzzle um ihren verschwundenen Vater lösen.

Rob verhüllt auch nicht seine Rolle in der Geschichte. In warmer Ich-Perspektive erzählt er von seiner Freundschaft zu Neary, seinen Interviews, seiner Vergangenheit. Wie viele andere Journalisten hatte er nie vor, so lange in Kambodscha zu bleiben. Im Vorwort schildert er, wie das Ende der Apartheid in Südafrika seine Jugend geprägt hat. Mit viel Interesse verfolgte er den Prozess der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) und vergleicht sie später mit der Zeit, als in Kambodscha „die Wolken vom Himmel fielen“.

Bei unserem letzten Treffen erzählte mir Robert, dass die Reise für ihn bald weitergeht. Von Kambodscha ins Ungewisse. So aufreibend es auch ist, dieses Buch zu lesen, es zu schreiben muss aufreibender gewesen sein. 

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Fünf Fragen an den Autor

Warum sollte dieses Buch auch in Deutschland gelesen werden?

Deutschland hat sich Ende des 20. Jahrhunderts mit den Nazi-Verbrechen auseinandergesetzt. Ich glaube, dass sich die Menschen dadurch mehr dafür interessieren, wie es zu solchen Gräueltaten in totalitären Systemen weltweit kommen konnte. Kambodscha ist da nur eines von vielen Beispielen. Zudem ist Deutschland einer der wichtigsten Geldgeber des Kriegsverbrecher-Tribunals. Sicher wollen die Steuerzahler erfahren, wie ihr Geld verwendet wird.

Wie hast du dich beim Schreiben gefühlt und sind diese Emotionen in das Buch eingeflossen? 

Manchmal war das schwierig, vor allem weil ich mich mit so vielen traumatischen Geschichten von Überlebenden und Opfern auseinandersetzen musste. Beim Schreiben muss man diese im Hinterkopf haben, damit man die Grausamkeit angemessen darstellen kann, aber man darf den Leser auch nicht überfordern mit all dem Schwermut und der Wut. In Kambodschas Geschichte liegt auch viel Positives und auch davon erzählt das Buch.

Bist du jetzt ein Khmer-Rouge-Experte? 

Ich habe viel über die Zeit der Khmer Rouges gelernt, aber es gibt zahlreiche Experten, die sich viel länger und ausführlicher mit dem Thema beschäftigt haben.

Gibt es etwas, das du gerne an „When Clouds Fell From the Sky“ verändern würdest?

Ich hätte mich gerne mit der besonders gewalttätigen Sprache der Khmer Rouge auseinandergesetzt. Alles – vom Reisanbau bis zum Bau von Kanälen – wurde in Redewendungen mit Begriffen wie „Krieg“ und „Feind“ verknüpft. Aber dafür hatte ich leider nicht genug Platz, also werde ich das wohl im nächsten Buch verarbeiten.

Worum geht es in deinem nächsten Buch?

Derzeit plane ich einen Fiction-Roman, wenn nichts Aktuelles dazwischen kommt. Die Dystopie soll in einem totalitären System spielen – ähnlich dem der Roten Khmer.