Bild Kannika Koeun © privat

Viele wissen nicht: Einst verband der Kommunismus das kleine Kambodscha und die DDR. Einige Austausch-Studenden wagten so den verlockenden Sprung in die westliche Welt. Nach der blutrünstigen Herrschaft der Roten Khmer (1975-1978) schien das ein Hoffnungsschimmer, um mit der dunklen Vergangenheit abzuschließen. Einer von ihnen, Kannika Koeun, hat mir seine Geschichte erzählt. 

Von 1969 bis 1975 und von 1979 bis zur Wiedervereinigung pflegten die DDR und Kambodscha enge diplomatische Beziehungen.

„BMW, Mercedes, VW – das sind tolle Autos. Ich wollte gerne lernen, wie man sie baut. Dass es in Deutschland eine Grenze gibt, wusste ich damals noch nicht.“ Kannika war gerade einmal 16 Jahre alt, als er 1985 in Potsdam seine Ausbildung zum Fahrzeug-Schlosser begann. „Ich konnte es nicht glauben, dass ich nach den Jahren im Kinderlager der Roten Khmer so viel Glück hatte. Meine Familie war arm und wir hatten viel Schlimmes erlebt.“


NAME: Kannika Koeun
ALTER: 42
VERHEIRATET: Ja
IN DEUTSCHLAND: 1985 bis 1988, 16 Jahre alt, danach 2002 bis 2003 und 2010
AUSBILDUNG: Kfz-Schlosser
RÜCKKEHR NACH KAMBODSCHA: 1988
BERUF IN KAMBODSCHA: Deutsch-Lehrer und Kfz-Schlosser

Am Anfang sprach Kannika weder Englisch noch Französisch, seine Familie war besorgt. Dennoch war er angekommen – in seiner zweiten Heimat. „Das Leben ist ganz anders in Deutschland, die kulturellen Unterschiede sind groß. Aber es gibt einfach alles: Essen, freundliche Menschen, Versicherungen, …“ Er ist nicht oft ausgegangen, hat viel gelernt und hatte wenige Freunde. Die deutsche Sprache war seine große Liebe. Er hat sie gelernt, indem er Briefe geschrieben hat – an eine deutsche Frau. Auch sie liebte er. 

Wenn er die Zeit fand, arbeitete er als Künstler und Pantomime. „Ich wollte den Deutschen unsere Kultur zeigen, kaum jemand wusste etwas über Kambodscha.“ Mit einer Künstlergruppe reiste er durch die DDR – Rostock, Halle, Chemnitz, Leipzig, Erfurt. 

1988 musste er zurückkehren nach Kambodscha, um sein Abitur zu machen. „Meine Mutter sagte oft: ‚Mein Sohn, ich verstehe dich nicht‘, weil ich immer wieder Deutsch mit ihr sprach. Daran hatte ich mich gewöhnt.“ Ein zweites Mal bewarb er sich für das Stipendium, doch nach Deutschland durfte er 1991 nicht mehr. Er sammelte seine Erfahrungen in Russland und war damit nicht glücklich. Die Sehnsucht nach Deutschland und seiner Freundin dort blieb. 

Seitdem ist er auf der unaufhörlichen Suche nach einem Weg zurück. Kannika unterrichtet in Kambodscha Deutsch und bewirbt sich immer wieder für Stipendien. 2002 bis 2003 machte er seinen Deutsch-Fachlehrer in Mannheim, 2010 war er in Freiburg für das Goethe-Institut. Viele seiner Freunde leben in Deutschland oder sprechen die Sprache. Seine Freundin ist mittlerweile verheiratet, er selbst hat Frau und zwei Kinder in Kambodscha. Mit ihren Eltern telefoniert er aber trotzdem einmal im Monat. „Sie sind wie Vater und Mutter für mich.“ Spricht er über die Deutschen, dann lobt er die Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft. 

„Natürlich hatte ich auch Probleme. Mein Elektronik-Lehrer hat uns immer beschimpft, wenn wir etwas falsch gemacht haben. Nie gab er uns Zeit, zu lernen.“ Das macht er heute in seiner eigenen Werkstatt anders. Geduldig und freundlich erklärt er den Lehrlingen, was sie tun sollen. Dafür erwartet er, dass sie sich an die deutschen Tugenden halten.

„Ich bin nun mehr als 40 Jahre alt. Trotzdem will ich noch Deutsch als Fremdsprache studieren, aber wie soll ich das bezahlen? Ich muss meine Familie ernähren. Dabei will ich so gerne zurück…“ In Phnom Penh arbeitet er, so viel er kann. Er unterrichtet Deutsch am Goethe-Institut, bildet als Fachlehrer Fahrzeug-Schlosser aus und leitet seine Werkstatt. „Die meisten Kambodschaner arbeiten hier in einem anderen Beruf. Aber ich wollte nie etwas anderes machen. Autos bauen und in Deutschland sein.“