Überfüllte Klassenzimmer, veraltete Unterrichtsinhalte und Schulbücher schleppen könnten bald der Vergangenheit angehören. Das ist zumindest die Vision der internationalen Open-Educational-Resources-Bewegung, die frei zugängliche Bildungsmaterialien fordert. Deutschland hat den Anschluss bisher verpasst, aber Experten sagen: der Abstand lässt sich aufholen. 

Das US-amerikanische Massachusetts Institut for Technology (MIT) in Cambridge ist die beste Universität der Welt. Pro Jahr werden weniger als 12.000 Studenten in den Hörsälen zugelassen. Um ihrem Bildungsauftrag nachzukommen, hat sich die Hochschule 2001 dazu entschlossen, Kursinhalte kostenlos jedermann online zur Verfügung zu stellen.

[call_to_action title=“Was bedeutet ‹²›offen‹²› oder ‹²›frei‹²›?“ message=“1. Der Zugang zu den Materialien soll offen sein.‹¯›nbsp;(Daraus‹¯›nbsp;folgt die Möglichkeit zur Kostenfreiheit.)‹¨›br /‹˜›‹¨›br /‹˜›
2. Die Materialien sollen unter einer Lizenz veröffentlicht‹¯›nbsp; werden, die die Weiterbearbeitung und Weitergabe‹¯›nbsp;der (ggf. bearbeiteten)‹¯›nbsp;Materialien ermöglicht.‹¨›br /‹˜›‹¨›br /‹˜›
3. Software, Dateiformate, Standards, die bei‹¯›nbsp;Erstellung,‹¯›nbsp;Vertrieb, Weiterbearbeitung und Nutzung‹¯›nbsp;zum Einsatz‹¯›nbsp;kommen, sollen offen‹¯›nbsp;zugänglich bzw.‹¯›nbsp;unter einer‹¯›nbsp;freien‹¯›nbsp;Lizenz veröffentlicht sein.“ button_label=“Zum Whitepaper“ button_link=“http://www.timetodiscover.biz/uploads/1/3/3/9/13397543/oer-whitepaper_oer-in-der-schule-2014.pdf“ button_target=“_blank“ __fw_editor_shortcodes_id=“f647b37d2763265218669d2adce4b9ec“ _fw_coder=“aggressive“][/call_to_action][divider style=“{‹²›ruler_type‹²›:‹²›space‹²›,‹²›space‹²›:{‹²›height‹²›:‹²›20‹²›}}“ __fw_editor_shortcodes_id=“74990f4f2ab3d5cf4861ce2f8a665192″ _array_keys=“{‹²›style‹²›:‹²›style‹²›}“ _fw_coder=“aggressive“][/divider]Damit gab das MIT den Anstoß für die Open-Educational-Resources-Bewegung. Unter OER versteht man freie Bildungsmaterialien, die nicht nur offen zugänglich sind, sondern auch von jedermann bearbeitet und weitergegeben werden dürfen.Dieser Ansatz könnte unter anderem Deutschlands überfüllte Hörsäle entlasten, doch stattdessen hält sich die Regierung bisher noch aus der internationalen Diskussion heraus. Erst Ende 2011 wurde die Debatte im Bereich Schule aufgenommen und hat sich erst in den vergangenen zwei Jahren rasant entwickelt.

Noch immer fehlen deutschen Lehrern und Professoren das Wissen und der Zugang zu OER, aber einige von ihnen nutzen sie bereits als Unterrichtshilfen und -materialien. Hartmut Ring brachte die ersten freien Bildungsmaterialien 1993 in sein Klassenzimmer. Mit seinem 4,5 Kilo schweren Laptop, Beamer und Modem konnte er den Unterrichtsinhalt besser an die Bedürfnisse seiner Schüler anpassen.

„Früher waren Fähigkeiten wie Lesekompetenz oft selbstverständlich. Heute kommen Jugendliche zunehmend mit Defiziten in die Schule. Da muss man sehr viel visualisieren. Also habe ich begonnen Materialien zu entwickeln, die diesen Bedürfnissen entgegen kommen,“ sagt Hartmut Ring, der Jugendliche der 7. bis 9. Klasse an einer Gesamtschule in Hamburg unterrichtet.

[call_to_action title=“Das erste Schulbuch “ message=“Das‹¯›nbsp;erste offene deutschsprachige Schulbuch ‹²›Biologie 1‹²› wurde unter der Federführung von‹¯›nbsp;Heiko Przyhodnik und Hans Hellfried Wedenig in Berlin erstellt. Die beiden Initiatoren haben über die Webseite‹¯›nbsp;www.schulbuch-o-mat.de‹¯›nbsp;eine Plattform installiert, auf der kollaborativ an einem Buch gearbeitet werden konnte.“ button_label=“Mehr“ button_link=“www.schulbuch-o-mat.de“ button_target=“_blank“ __fw_editor_shortcodes_id=“6755f2fb0347acca6cb078d47c99c0af“ _fw_coder=“aggressive“][/call_to_action]Während seine deutschen Kollegen noch Arbeitsblätter kopieren, nimmt Hartmut Ring mit seinen Schülern die Lehrbuchinhalte kritisch unter die Lupe. „Entdeckendes Lernen“ nennt er das. „Doch diese erarbeiteten Materialien müssen auch vernetzt sein. Der Blick über den Horizont geht am besten übers Netz,“ sagt er.Lehrende als Meister des digitalen „Remixens“? Photoshop statt Schere, Dropbox statt Kopierer – Experten sehen OER als ergänzendes Hilfsmittel zu den traditionellen Schulbüchern.

„Wir müssen ein Geschäftsmodell finden, wo Lehrer aus verschiedenen Medien auswählen können,“ sagt Jöran Muuß-Merholz, der am Freitag das zweite Whitepaper zu OER an Schulen in Deutschland im Auftrag des Vereins Internet & Gesellschaft Collaboratory vorgestellt hat.

„Da in Deutschland der Schulbetrieb sehr eng mit spezialisierten Schulbuchverlagen verzahnt ist, kommt es bisher selten dazu, dass OER-Schulbücher zur Prüfung angemeldet werden,“ schreibt er in dem Whitepaper. Zudem sind die Preise für Schulbücher stabil. In den Vereinigten Staaten ist das zum Beispiel anders, da Lehrbücher deutlich teurer und damit schlechter verfügbar sind.

[special_heading title=“Preise für Schulbücher“ subtitle=“Durchschnittsladenpreise der Neuerscheinungen (Erstauflage) in Euro (Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels)“ heading=“h1″ centered=“true“ __fw_editor_shortcodes_id=“ebad0bf823420365c75ba88c675b2c88″ _fw_coder=“aggressive“][/special_heading][table table=“{‹²›rows‹²›:‹º›{‹²›name‹²›:‹²›heading-row‹²›},{‹²›name‹²›:‹²›default-row‹²›},{‹²›name‹²›:‹²›default-row‹²›},{‹²›name‹²›:‹²›default-row‹²›},{‹²›name‹²›:‹²›default-row‹²›}‹¹›,‹²›cols‹²›:‹º›{‹²›name‹²›:‹²›highlight-col‹²›}‹¹›,‹²›header_options‹²›:{‹²›table_purpose‹²›:‹²›pricing‹²›},‹²›content‹²›:‹º›‹º›{‹²›textarea‹²›:‹²›Jahr – Bücher gesamt – Taschenbücher‹²›}‹¹›,‹º›{‹²›textarea‹²›:‹²›2012 – 14,43 € – 6,82 €‹²›}‹¹›,‹º›{‹²›textarea‹²›:‹²›2010 – 15,54 € – 4,93 €‹²›}‹¹›,‹º›{‹²›textarea‹²›:‹²›2008 – 14,84 € – 6,46 €‹²›}‹¹›,‹º›{‹²›textarea‹²›:‹²›2006 – 15,15 € – 6,37 €‹²›}‹¹›‹¹›}“ __fw_editor_shortcodes_id=“afee14c9373fd7da21e4ab22c2ca933e“ _array_keys=“{‹²›table‹²›:‹²›table‹²›}“ _fw_coder=“aggressive“][/table]
Der Bundesrat sagt die Einführung der OER sei Ländersache und sieht sogar auch die „geschäftlichen Interessen von Unternehmen“ in Gefahr. Doch Jöran Muuß-Merholz wünscht sich ein Nebeneinander mit den Verlagen.

„Wir brauchen weiterhin die professionelle Kompetenz aus den Schulbuchverlagen. … Die praktische Umsetzung ist kompliziert. … Vielleicht tut sich etwas durch mehr Druck und durch Konkurrenz mit anderen Ländern, die bereits mit OER arbeiten,“ sagt er. Zudem treibe die Debatte über die OER auch die Verlage an digitaler zu denken.

Die Digitalisierung von Lehr- und Lernmaterial ist im deutschen Urheberrecht bisher nicht bzw. nur in unzureichendem Maße geregelt. Bis 2012 durften Schulen nur analoge Kopien anfertigen. Seit dem 01.01.2013 dürfen Schulen nun auch digitale Materialen in begrenztem Umfang kopieren.

Zu den juristischen Hürden gesellt sich eine große Verunsicherung in deutschen Schulen, ausgelöst durch die Diskussion um den sogenannten „Schultrojaner„. Verlage wollten 2012 mittels einer Scansoftware oder durch die Einholung von Schulbestätigungen sicherstellen, dass sich keine digitalisierten Unterrichtswerke auf Schulrechnern befinden.

Hagen von Hermani vom Zentrum für Lehrerbildung und Schulforschung der Universität Leipzig weiß, dass dies den Schulalltag massiv beeinflusst hätte. „Die gängige Praxis Arbeitsblätter aus Schulbüchern zu kopieren hat bisher funktioniert, aber sie ist nicht legal. Besonders bei der Arbeit mit digitalen Medien stoßen die Lehrer dann ganz schnell auf Probleme und werden früher oder später auffliegen. Der Schulbuchtrojaner hat da klar den Ton gesetzt, den die Schulbuchverlage in Zukunft an den Tag legen werden,“ sagt er.

Die OER könnten den offenen Austausch von Materialien in Schulen fördern, aber es gibt noch viele Hürden, sagt Saskia Esken, SPD-Bundestagspolitikerin und Mitglied des SPD-Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung. „Zunächst müssten andere als die bisherigen Lehrmaterialien zugelassen werden für den Unterricht und im Sinne der Lernmittelfreiheit dann auch eigesetzt werden können. Da müsste man einiges neu regulieren – besonders was die Rechte der Inhaltshersteller anbelangt,“ sagt sie.

Während in Deutschland noch kein Bundesland den Vorstoß gewagt hat, sind OER im Ausland bereits ein fester Bestandteil des Bildungssektors. Die UNESCO forderte 2012 ihre Mitgliedstaaten dazu auf, die Erstellung und Nutzung von OER zu fördern.

Professor Fred Mulder, Leiter des UNESCO-Lehrstuhls für Open Educational Resources an der Open Universiteit der Niderlande, findet es „erstaunlich“, dass Deutschland den OER so kritisch gegenüber steht.

„Die Deutschen haben damals sehr konservativ argumentiert. … Vielleicht ist die deutsche Kultur strenger und man sieht nicht genug kreativen Spielraum in den Regulierungen, um mit den OER zu experimentieren,“ sagt Professor Fred Mulder.

Als „Spätzünder“ habe Deutschland dennoch gute Chancen den Abstand zu anderen Ländern aufzuholen. „So kann man die Fehler vermeiden, die andere bereits gemacht haben,“ sagt er. „Die gleichen Probleme wie in Deutschland gab es auch in anderen Ländern und sie konnten gelöst werden.“

[call_to_action title=“Im Auftrag von Wikimedia“ message=“Dieser Text entstand im Auftrag der Nichtregierungsorganisation Wikimedia Deutschland.‹¯›nbsp;Am 04. April 2014 haben Experten aus Politik, Netzwelt und NGOs einen Blick auf den aktuellen Stand der Entwicklungen der OER in Deutschland und Europa geworfen.‹¯›nbsp;“ button_label=“Mehr“ button_link=“https://wikimedia.de/“ button_target=“_blank“ __fw_editor_shortcodes_id=“27281bf9fce4f6f1690cf5d0a4efe7dc“ _fw_coder=“aggressive“][/call_to_action]