PictureIm Dezember 2015 hat die Schauspielerin Anne Hoffmann ihre sehr persönlichen „Recherchen zum guten Glauben“ und zu Pol Pots Lächeln auf die Theaterdiscounter-Bühne in Berlin gebracht. An ihrer Seite: Regisseurin Ruth Messing und der preisgekrönte Buchautor Peter Fröberg Idling. Ich durfte die Proben und Vorstellungen begleiten – und sah ganz Pol Pots Verbrechen aus einem sehr ungewohnten Blickwinkel.


BildPeter Fröberg Idling / CC Attribution-Share Alike 3.0 Unported (Wikipedia/Idling)

Und so beschreibt der Theaterdiscounter das Stück: „Die siebziger Jahre. Es gärt unter der Oberfläche der westlichen Gesellschaften. Da stürzt im fernen Kambodscha ein korruptes Regime, und die kommunistischen Roten Khmer rufen den neuen, gerechten Staat aus. Manche Gruppierungen der westlichen Linken waren begeistert von diesem Aufbruch, einige durften ins Land rein und sahen das Gute mit eigenen Augen.“

Wie gehen wir damit um?

„Im literarischen Bericht „Pol Pots Lächeln“ untersucht Autor Peter Fröberg Idling die Blindheit einer schwedischen Delegation von 1978, die nichts vom staatlichen Terror mitbekam. Ihre optimistischen Berichte aus Kambodscha fielen im Westen auf fruchtbaren Boden. Der Vietnamkrieg und die Politik der USA mobilisierten Unzählige. Tagsüber wurde auf den Straßen für Frieden und gegen die imperialistische Ausbeutung demonstriert; nachts diskutierte man und verfasste Flugblätter, studierte Marx und Mao, sammelte Geld für die fernen Befreiungskämpfe.“

Wie sehr verstellt unsere Absicht unseren Blick? Die Schauspielerin Anne Hoffmann und die Regisseurin Ruth Messing versuchen zu verstehen und begeben sich ausgehend von Idlings Reportage auf eine Spurensuche hierzulande und im heutigen Kambodscha; sie rekonstruieren in Berichten, Zeugenaussagen und Reisetagebüchern jene Verschiedenheit der Perspektiven, die schwindlig macht.“


…und daraus entstand der Dialog… 

Ich stehe vor der jahrtausendealten Tempelanlage Angkor Wat in Siem Reap. Die aufgehende Sonne taucht das Lächeln der riesigen Stein-Gesichter vor mir in ein warmes orange-rot. Noch weht mir beschwingt die Morgenluft um die Nase, Vögel zwitschern, Affen lausen sich.

​Ich schließe die Augen, strecke die Hand aus und fahre mit dem Zeigefinger über die feucht-kühle Steinsäule vor mir. Ein Loch, ein zweites und noch ein Loch. Hier haben die Roten Khmer geschossen – auf die Hochkultur der echten Khmer, die einst mächtig wie Inka waren. Besonders makaber: Bilder in den Tempelmauern erzählen, ja prophezeiten, die Verbrechen der Massenmörder. Oder waren sie Vorbild für deren Foltermethoden? Experten streiten sich; ich schweige.

Das Lächeln der Stein-Giganten, es will mir nicht mehr aus dem Kopf. Kambodscha hat mir das Lächeln eigentlich erst beigebracht. Auf Khmer gibt es … 1 – 2 – 3 – vielleicht 10 verschiedene Worte für das Lächeln, das echte, das falsche, das höfliche, das verlegene. Ach, ich bin nicht mehr sicher. Wie sagen die Kambodschaner? Selbst ein vierbeiniger Elefant verrenkt sich mal ein Bein. Ich kann mich ja irren.

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Fakt ist: Das Lächeln von Pol Pot hat es bei Peter Fröberg Idling auf den Buchtitel geschafft und auch in der Aufführung spielt es eine große Rolle. Die Frage ist doch: Warum? Was war an seinem Lächeln so anders? Und wie konnten die Schweden ihm vertrauen?

Teils sehr persönliche Antworten konnte Anne Hoffmann bereits in der Aufführung liefern, doch erst die Publikumsdiskussion brachte Kontexte – Erfahrungen, Eindrücke und Meinungen. Es ging nicht um die Suche nach einem Schuldigen, sondern darum, dass unsere Welt nicht schwarz und weiß ist.

Zusammen mit Peter Fröberg Idling, Ruth Messing und dem Publikum diskutierten wir: Was haben wir seitdem gelernt? Was hat sich seitdem verändert? Welche schwerwiegenden Folgen hatte der Genozid? Und welche Folgen hatte letztlich der Besuch der Schweden? Wer sich für diese Antworten interessiert, der sollte sich die nächste Vorstellung nicht entgehen lassen.