Schweiß tropft von der Stirn, der Schlafmangel steckt uns in den Knochen und die Geldgeier umkreisen uns. „Nie wieder“, fluchen mein Kollege Heiko und ich, während wir anstehen, um das fremde Thailand durch mein geliebtes Kambodscha auszutauschen. Wir wussten beide, worauf wir uns einlassen und sind dennoch in so einige Fallen getappt. Gesundheitscheck, Mitarbeiter des Ministeriums, erfahrene Tuk-Tuk-Fahrer – wie kann ein Reisender da den Überblick behalten?

Blog Sarah ThustNach nur zwei Stunden Schlaf schrillt der Wecker und ich schäle mein Gesicht vom Kopfkissen. In der Nacht sind mein Kollege Heiko und ich durch Bangkoks Straßen gestreunt, haben beobachtet, geplant und fotografiert. Wir beide wissen, dass vor uns eine anstrengende Reise liegt – im Bus von Bangkok nach Phnom Penh. Zeit für einen Kaffee bleibt nicht mehr, wir stürzen mit unseren Rucksäcken auf die Straße. Laut unserem Reiseführer müssen wir den Bus in einer halben Stunde erwischen, sonst kommen wir an der thailändischen Grenze nicht weiter.

Erste Herausforderung: Der Weg zur Busstation in Bangkok

Taxi? Nein! Heiko greift nach meinem Ellenbogen und hält ihn unten. Er zeigt auf die Hochbahn, den Skytrain. Richtig, wir wären im Stau auf den Straßen stundenlang stecken geblieben. Stolz auf unsere Umsicht steigen wir ein und fahren in die falsche Richtung. Schon jetzt ist klar: Der Zeitplan ist zu eng, aber wir wollen es versuchen. Vom Fenster des Zuges blicken wir unserem Bus hinterher. Während ich mir ratlos am Kopf kratze, bleibt Heiko cool. „Dann nehmen wir den Nächsten“, sagt er. Wir buchen und warten.

Zweite Herausforderung: Der Bus nach Aranyaprathet

Zwei Stunden später steigen wir in den zweiten Bus nach Aranyaprathet ein. Heiko schlummert selig. Ich hingegen kaue nervös an meinen Nägeln, weil ich fürchte, dass wir in Sisophon stecken bleiben. Drei Stunden frösteln und zahlreiche Lähmungserscheinungen in den Beinen später ist es dann so weit. Ich versuche wach zu sein, rüste mich für den Verhandlungskampf mit dem Tuk-Tuk-Fahrer.

Dritte Herausforderung: Zur Grenze in Aranyaprathet

Ich scanne die Umgebung, meine Menschenkenntnis soll uns einen ehrlichen Fahrer bescheren. Wieder einmal muss ich bitter erkennen: Auch Journalisten machen Fehler. Ich und meine Kollegen vergessen das nur allzu gern. Sovann läuft grinsend auf uns zu: „Tuk Tuk?“ Ich antworte auf Khmer, will ihn testen. „Ah, you speak Cambodian? Sok sabai?“ Das Eis ist gebrochen und das Verhandeln ein Kinderspiel.

Warten an der Grenze von Thailand nach Kambodscha. Jeder muss aussteigen.
Warten an der Grenze von Thailand nach Kambodscha. Jeder muss aussteigen.

Vierte Herausforderung: Das Visum

Wir halten an einem kleinen, weißen Bürogebäude. Ich ziehe Heiko, der mit Sovann Späße macht, zur Seite und sage: „Das ist nicht die Grenze, ich glaube, dass wir hier über den Tisch gezogen werden.“ Er antwortet: „Ach, das wird schon. Komm!“ Mit skeptisch zusammengekniffenen Augen betrete ich das Büro. Wir erhalten die richtigen Formulare, eine gute Beratung und Bustickets. Immer wieder versuche ich Heiko zum Gehen zu überreden, doch er hört nicht auf mich.

Nachdem wir das Büro verlassen haben, studiere ich noch zehn Minuten lang mein Visum und fürchte, dass es falsch ist. „Wie viel ist nochmal ein Euro?“, fragt plötzlich Heiko. „40 Baht, glaube ich“, murmele ich. Geschockt schaut er mich an und sagt: „Was??? Dann haben wir ja 20 Euro zu viel für die Visa gezahlt!“

Fünfte Herausforderung: Der Grenzübergang

Doch wieder lassen wir uns einlullen. Das Büro hat uns einen Guide zur Seite gestellt, der uns sicher zum Bus bringen soll. Sopheak arbeitet angeblich für das Tourismusministerium und kann sich auch ausweisen. Freundlich und höflich erzählt er uns von Kambodscha. Vor allem aber stehen wir unter Zeitdruck und haben ein Busticket, das es eigentlich nicht mehr zu kaufen gibt. Tatsächlich schleust uns unser Guide ohne weitere Verluste durch die Grenzposten – ohne Gesundheitscheck und überflüssige Gebühren.

Warten müssen wir dennoch, denn der sogenannte VIP-Service ist uns keine zwei Dollar wert. Als sich das Pärchen vor uns schließlich dafür entscheidet, brechen wir in hallendes Gelächter aus. Ihr Guide geht sieben Personen weiter nach vorne, entschuldigt sich und winkt die beiden mit einem verschlagenen Grinsen heran.

Sechste Herausforderung: Der Bus nach Phnom Penh

Mit seinem herzlichen Lächeln versucht Sopheak uns, seine übermüdeten und frustrierten Kunden, ein wenig milde zu stimmen. Wortlos verfrachtet er uns mit anderen Touristen in den nicht klimatisierten Minivan, das kostenlose Shuttle soll uns zur Busstation in Sisophon bringen. Eine dreiviertel Stunde lang blicke ich nervös auf die Uhr. Ich versuche neu zu planen, weil ich davon überzeugt bin, dass wir den letzten Bus nach Phnom Penh verpassen.

Nach der Ankunft geht Sopheak entspannt zum Ticketschalter, während wir ein Vermögen für die erste Mahlzeit unseres Tages ausgeben müssen. Der Familienvater schlendert mit leeren Händen auf uns zu und eröffnet uns: „Ihr habt den Bus verpasst, der Nächste fährt um 9 Uhr abends.“

Seit einem viertel Jahr lebe ich in Kambodscha und nie habe ich die Beherrschung verloren. Doch nun ist es so weit: „Ihr nehmt uns aus und dann gibt es keinen Bus? Ich muss morgen früh um 6 Uhr auf Arbeit sein!“ Sopheak wischt sein Lächeln weg, dreht sich um und geht. Heiko starrt mich mit offenem Mund an und ich fühle mich schuldig, kenne ich doch die Konsequenzen eines Wutausbruchs in Kambodscha.

Doch wir haben Glück. Zehn Minuten später kommt Sopheak zurück und fährt mit uns im Shuttle zu einer anderen Busstation. Ohne ein Wort zu verlieren, kauft er uns zwei Tickets und fordert uns auf eine Stunde zu warten. Abschiedlos verlässt er uns auf dem leeren, staubigen Busbahnhof.

Eine halbe Stunde lang braten wir in der Nachmittagssonne, als drei Kinder über die Mauer hinter uns klettern. Da ich mein Essen nach diesem Erlebnis ohnehin nicht mehr anrühren kann, gebe ich es weiter. Die Akrobaten bedanken sich dafür mit einer kleinen Show, die uns das Lachen wieder ins Gesicht zaubert. Mit einem Zwinkern sagt Heiko: „Einmal muss man wohl durch diese Hölle schreiten, aber hinterher weiß man es wenigstens besser.“

Fazit

Ich gebe zu, dass diese Reiseerfahrung noch knapp ein Jahr später meine Lust auf Thailand dämmt. Mein Vorurteils-Ich hält Thailänder für Abzocker, die Fremde ohne jeden Respekt behandeln. Mein Vernunfts-Ich saugt darum bei jeder Reise nach Thailand alle neuen, positiven Erfahrungen auf. Tatsächlich habe ich meinen Flug nach Bangkok vergangene Woche genossen, aber auf die Busreise werde ich wohl in Zukunft verzichten.

„Wer reisen will, muss zunächst Liebe zu Land und Leuten mitbringen, zumindest keine Voreingenommenheit. Er muss guten Willen haben, das Gute zu finden anstatt es durch Vergleiche tot zu machen.“

Theodor Fontane (1819 – 1898)

How to cross the border Thailand to Cambodia